Ritas Welt – die wahre Geschichte

Am 23.September 2000 ging bei RTL eine neue Sitcom auf Sendung – „Ritas Welt“. Was wir Schauspieler, also Gaby Köster, Franziska Traub, Frank Vockroth, Georg Alfred Wittner, Jasmin Schwiers, Marius Theobald und ich genauso wenig wie die Regisseure Franziska Meyer Price und Uli Baumann ahnten: „Ritas Welt“ würde Geschichte schreiben. Sie erreichte in der Spitze 6,5 Mio. Zuschauer und 37 % Marktanteil in der Zielgruppe, ein unerhörter Wert, der uns in der Saison 2003/2004 zur dritterfolgreichsten Sendung machte, nur noch getoppt von „Deutschland sucht den Superstar“ und „Wetten dass?“.

Von links nach rechts: Dustin Semmelrogge, Lutz Herkenrath, Georg Alfred Wittner (GAW), Gaby Köster, Frank Vockroth und Matthias Komm

Von links nach rechts: Dustin Semmelrogge, Lutz Herkenrath, Georg Alfred Wittner (GAW), Gaby Köster, Frank Vockroth, Franziska Traub und Matthias Komm

Das Ding geht durch die Decke!

Der Einzige, der das hat kommen sehen, war der verantwortliche Redakteur. Holger Andersen kam beim Drehen der 1. Staffel mit Schnappatmung ans Set und präsentierte uns stolz die Ergebnisse der Marktforschung. Der Pilot war – wie bei RTL üblich – in die Zuschauerbefragung gegangen und hatte dort den höchsten je gemessenen Zustimmungswert erzielt. Ich fragte mich: Wie aussagekräftig ist es, in drei großen Städten jeweils 10 bis 15 Menschen in einer Einkaufszone anzusprechen, sie um Mitarbeit zu bitten, ihnen dann den bisher unveröffentlichten Piloten vorzuführen und sie nach ihrer Meinung zu fragen? Also maximal 45 Menschen (!?).

(Insgeheim fragte ich mich auch, was die bei RTL wohl so rauchen, aber das ist eine andere Geschichte.) Um es kurz zu machen: Der Redakteur Holger Andersen sollte mit seiner Prophezeiung „Das Ding geht durch die Decke!“ Recht behalten.

Innerhalb kürzester Zeit waren wir Tagesgespräch und mir wurde nach und nach klar, dass diese Serie mein Leben verändern würde.

Wie Lutz Herkenrath zu Achim Schumann wurde

Ein paar Jahre vor „Ritas Welt“ spielte ich in einem Low Budget Kinofilm von Hans-Christoph Blumenberg mit: „Beim nächsten Kuss knall ich ihn nieder“.

Dieser Film ist die realitätsnah erzählte Lebensgeschichte des deutschen Regisseurs Reinhold Schünzel, der in der Weimarer Republik neben Ernst Lubitsch als einer der bedeutendsten Filmregisseure galt. Als die Nazis an die Macht kamen, glaubte er, wegen seiner künstlerischen Erfolge unangreifbar zu sein und blieb – im Gegensatz zu Ernst Lubitsch – lange, zu lange in Deutschland, bis auch er fliehen musste. Damit geriet er zwischen alle Stühle: Den Amerikanern war er verdächtig, weil er zu lange in Nazideutschland geblieben war, und als er nach Deutschland zurückkam, galt er als Vaterlandsverräter, weil er geflohen war.

Stzene aus "Beim nächsten Kuss knall ich ihn nieder"

Lutz Herkenrath als Sturmbannführer Hans Hinkel

Das Besondere an dem Film (der den Deutschen Filmpreis für das beste Originaldrehbuch erhielt) war, dass der Filmfigur Reinhold Schünzel, gespielt von Peter Fitz, in den verschiedenen Stationen seines Lebens immer dieselben Schauspieler in vergleichbaren Funktionen begegneten. So kam es, dass ich drei Rollen spielen durfte: Den Leiter der Reichsfilmkammer, Sturmbannführer Hans Hinkel, den schmierigen amerikanischen Dramaturgen Gottfried Reinhardt und den Leiter der Hamburger Filmförderung im Nachkriegsdeutschland, Dr. Wulf. Zusammen dann also ein überzeugter Nazi, ein Arschkriecher und ein Bürokrat. Und das alles in einem Film – herrlich.

Im Nachhinein war damit die charakterliche Bandbreite von Achim Schumann ziemlich genau definiert. Der Marktleiter im Supermarkt Trispar war ein Spießer durch und durch, konnte aber auch despotische und – wenn es schief gegangen war – arschkriecherische Züge haben. Christiane Ruff, die Produzentin von Columbia Tristar, die „Ritas Welt“ mit Gaby Köster produzieren wollte, hatte den Kinofilm „Beim nächsten Kuss knall ich ihn nieder“ gesehen – und mir daraufhin die Rolle des Marktleiters angeboten.

Ritas Buch

Als ich das Drehbuch zum Pilotfilm las, dachte ich: Nette Geschichte, aber die packen ja alle möglichen Spielanlässe schon in die erste Folge, wie wollen die davon noch 13 weitere Folgen schreiben, ohne sich zu wiederholen? Dass den Drehbuchautoren Thomas Koch, Michael Gantenberg und Peter Freiberg, die sich „Die SchreibWaisen“ nannten, das für insgesamt 68 Folgen bravourös gelingen sollte, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Tatsächlich haben die Autoren einen großen Anteil an dem Riesenerfolg unserer Serie. Die Bücher waren nicht auf Gag geschrieben, sondern erst mal ganz nüchtern auf die emotionalen Entwicklungen der Charaktere hin. Erst wenn das Buch in sich dramaturgisch folgerichtig und stimmig war, kamen die Gags dazu. Sie wurden von den sogenannten „Steineklopfern“ eingebaut an den Stellen im Drehbuch, wo „jtc“ stand – „jtc“ für „joke to come“. Steine zu klopfen, war harte Arbeit. Manchmal saß ein Autor einen ganzen Tag (!) an einer einzigen Zeile. Aber die hatte es dann auch in sich.

Ein Foto vom Pilotfilm von "Ritas Welt" aus dem Original Supermarkt

Ein Foto vom Pilotfilm von „Ritas Welt“ aus dem Original Supermarkt

Den Pilotfilm haben wir nachts gedreht, in einem echten Supermarkt. Zu dem Zeitpunkt wusste ja noch keiner, wie das Ergebnis ausfallen würde. Und da der Markt tagsüber öffnen sollte, haben wir eben von 20:00 – 7:00 morgens gedreht – oftmals ein Wettlauf gegen die Zeit, denn die Szenen mussten natürlich im Kasten sein, bevor der erste Kunde den Laden betrat.

Wie es weiterging

Als klar war, dass daraus eine Serie werden sollte, wurde der Original-Supermarkt nahezu 1:1 in einem Kölner Filmstudio aufgebaut. Am Anfang in Mülheim, danach in Ossendorf. Wenn man hineinging, dachte man wirklich: Ich bin im Supermarkt! Alle Produkte, die es dort „zu kaufen“ gab, mussten Phantasienamen bekommen, Productplacement war verboten! „Omo“ hieß dann „Gisi“, „Barilla“ hieß „Bartolla“ usw. Es gab eine eigene Abteilung, die sich nur mit den Produktnamen und der Kreation der Logos beschäftigte. Die Joghurts in der – natürlich ausgeschalteten Kühltruhe – hießen z. B. „Schmidt Milch“ … Und obwohl die Joghurtbecher natürlich leer waren (wie alle Warenpackungen), bekamen sie von unserem Tonmeister eine Sonderbehandlung: Durch die Wärmeeinstrahlung der Scheinwerfer hatten die Aludeckel die lästige Angewohnheit, Knackgeräusche von sich zu geben – ziemlich schlecht für die Aufnahme. Der Tonmeister ging herum und piekste jeden Aludeckel an, damit die erwärmte Luft entweichen konnte ohne den Deckel zu bewegen. Apropos Barilla: Der Gang, aus dem Schumann fast immer zur Kasse sauste, um Ärger zu machen, hieß bei uns „Barilla-Kurve“. Ich weiß nicht, wie viele Drehtage für mich damit begannen, für die Kamera unsichtbar in der „Barilla-Kurve“ zu sitzen und auf meinen Auftritt zu warten.

Und genau das wurde im Laufe der Jahre zu einem Problem für mich. Ich hatte vorher nur in TV-Serien mitgespielt, die maximal 2 Staffeln, also 2 Jahre liefen. Nun waren es insgesamt 5 Jahre (!). Und „serielle Produktion“ heißt, dass sich bestimmte Sätze und Situationen immer wiederholen müssen, damit der Zuschauer genau weiß: „Gleich wird der Schumann reinkommen und sagen: „ …“ Und genauso war es. Ich musste die nahezu gleiche Situation immer und immer wieder spielen. Mit den Jahren wurde es immer schwieriger und anstrengender, mich neu zu motivieren. Als dann im Jahr 2004 Gaby Köster ihren Abschied von Ritas Welt verkündete (also lange, bevor sie einen Schlaganfall bekam), und daraufhin klar wurde, dass die Serie eingestellt werden würde, ging ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Ein Lebensabschnitt war zu Ende, mit vielen lustigen und berührenden Momenten beim Drehen, aber gleichzeitig war auch zum ersten Mal seit 5 Jahren Platz für neue berufliche Herausforderungen. Schon ein halbes Jahr später leitete ich mein erstes Seminar – und damit tat sich für mich eine ganz neue Welt auf.

Was ich auch nicht vorhersehen konnte: Dass „Ritas Welt“ seitdem ununterbrochen (!) jede Woche auf irgendeinem Sender der RTL Gruppe laufen würde und dass mich auch heute noch, also 13 Jahre später, Zuschauer auf diese Serie ansprechen würden. Diese Serie – und damit die Menschen, die dafür gearbeitet haben – haben tatsächlich Geschichte geschrieben. Und ich bin stolz, ein Teil davon zu sein.

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