Authentisch sein – wie geht das

Sei du selbst, die anderen gibt es ja schon

Oft rennen wir einem unausgesprochenen unsichtbaren Anspruch hinterher, wollen etwas darstellen und uns anders zeigen als wir sind. Der Preis ist hoch – wir wirken unentspannt, gekünstelt und aufgesetzt. Selbst wenn wir jemanden perfekt nachahmen würden, wären wir doch vor allem eines: eine Kopie.

Das ist vielen Menschen vom Verstand her klar – und doch können sie dieses Verhalten, das sie von einer echten Begegnung mit anderen Menschen abhält (!), nur schwer abstellen. Zu stark ist möglicherweise das Gefühl, dass etwas fehlt, zu groß die Sorge, etwas verstecken zu müssen, zu drängend das Bedürfnis, sich passend machen zu müssen für andere.

Was macht einen authentischen Menschen aus?

An einem authentischen Menschen fällt auf, dass er

  • sich wenig Gedanken darüber macht, wie das ankommt, was er sagt und tut,
  • mit sich im Reinen ist,
  • gelernt hat, sich zu akzeptieren und sich mit seinen Stärken und Schwächen annehmen kann,
  • eine klare Vorstellung davon hat, welche seine Kraftquellen sind und wie er sich mit ihnen verbindet,
  • seiner Meinung auch bei heftigem Gegenwind treu bleibt und das auch zeigen kann,
  • sich den anderen „zumutet“ mit seinen Wünschen, Bedürfnissen und Entscheidungen und im Vertrauen darauf selten oder nie denkt: „Das halten die anderen nicht aus“,
  • sich weniger an Konventionen als an seinen inneren Werten orientiert, also weniger „das tut man nicht“ und mehr „wofür entscheide ich mich?“ denkt.

Die drei Faktoren der Authentizität

Mann in Seifenkiste auf dem Weg einen steilen Berg hinauf - er ist mit genügend Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen ausgestattetWenn wir uns anschauen, was einen Erwachsenen authentisch macht, können wir fast immer diese drei Eigenschaften erkennen:

  1. Selbstbewusstsein. Er ist sich seines Selbst bewusst, das bedeutet, er kennt seine Stärken und seine Schwächen. Er versteht, „warum er morgens aufsteht“, er weiß also um die Motive seines Handelns. Er kennt seine inneren Werte, für die er lebt.
  2. Ehrlichkeit. Er ist ehrlich zu sich in dem Sinne, dass er auch negatives Feedback aushält und sich unbequemen Wahrheiten stellen kann. Er hat keine oder kaum Angst, dadurch abgelehnt zu werden.
  3. Konsequenz. Er sagt, was ihm wichtig ist und handelt danach. Und er tut es auch dann, wenn die Mehrheit anders denkt und handelt. Das Gegenteil davon ist der Opportunist, der nur das tut, was „opportun“, also nützlich ist.

Zusammengefasst heißt das, dass ein Mensch dann authentisch ist, wenn sein Handeln nicht durch äußere Einflüsse bestimmt wird, sondern in der Person selbst begründet liegt.

Das ist ein ganz schön hoher Anspruch, nicht wahr? Ich kenne niemanden, der alle Kriterien immer zu 100% erfüllt – mit einer Ausnahme:

Kleine Kinder sind immer authentisch – und ich meine ALLE kleinen Kinder. Also auch Sie.

Als wir klein waren, waren wir nicht nur Großmeister in Sachen Ausstrahlung, sondern auch ein Vorbild im Authentisch-Sein. Wir hatten noch keine Taktik, kein Nützlichkeitsdenken. Wenn ein Baby fröhlich ist, teilt es das mit. Und wenn es wütend oder traurig ist, auch. Es ist zu 100% konsequent, wie alle Eltern leidvoll erfahren, wenn das Kind z. B. im Bus oder im Supermarkt müde oder hungrig ist und den ganzen Laden zusammenschreit …

Die Psychologie spricht hier von Kongruenz, d. h. die innere und die äußere Gestimmtheit des Kindes ist deckungsgleich.

Wir können und sollen nicht mehr in diesen ursprünglichen, letztlich unreflektierten Zustand zurück. Wir alle haben vom Baum der Erkenntnis gegessen, dessen Früchte Strategie, Nützlichkeit, Angemessenheit (für die Allgemeinheit) und gesellschaftliche Akzeptanz heißen. Und das ist auch gut so. Es geht jetzt um eine neue Form der Authentizität – auf einer höheren Ebene mit sich im Reinen zu sein.

„Werde, wer du bist.“

(J.W. von Goethe)

Simran Kaur, eine wunderbare Trainerin für Kommunikation in Hamburg, drückt es so aus:

Ein kleiner Baum als Symbol für Wachstum und Potential

Ungehindertes Wachstum:
Die Alpha-Form

Ein Baum, der ungehindert wachsen kann, wächst in seine Alpha-Form hinein. Das ist seine Idealform, und das „Wissen“ um diese Form ist schon im Samenkorn angelegt. Es ist dieses „Wissen“, an dem der Baum sich in seinem Wachstum orientiert. Es steuert und befeuert sein Streben nach Entfaltung. Es ist sein Potenzial.

Nach meinem Verständnis hat jedes Lebewesen eine Alpha-Form, auch wir Menschen. Es ist unsere größte Sehnsucht, in diese Alpha-Form hineinzuwachsen und zu werden, wer wir eigentlich sind. Wir sind glücklich, wenn uns das gelingt, und unglücklich, wenn dieses Wachstum behindert wird.

Potenzial und Bedürfnisse

So besteht zwischen der Alpha-Form, unserem Potenzial, und unseren Bedürfnissen ein enger Zusammenhang. Sie sind wie Qualitäten, die in uns angelegt sind und sich nach Entfaltung und Erfüllung sehnen. Es macht uns beispielsweise glücklich, wenn wir in liebevollen Beziehungen und in Harmonie leben können, wenn wir angenommen sind wie wir sind, wenn wir selbst über unser Leben bestimmen und bereichernd etwas beitragen können, wenn wir unserer Kreativität Raum geben und Achtsamkeit und Selbstfürsorge lernen können. Die Bedürfnisse liegen sozusagen an der Wurzel unserer Alpha-Form, sie bringen uns dazu, uns zu engagieren und sie geben unserem Tun eine Richtung.

Im Frieden mit dem Wandel und der Unvollkommenheit

Gleichzeitig gibt es auf der ganzen Welt keinen einzigen Baum, der vollkommen in seiner Alpha-Form wäre, kein einziges Lebewesen, keinen einzigen Menschen. Wir befinden uns irgendwo auf dem Weg dahin, in stetigem Wandel, mal näher dran, mal weiter entfernt. Dies zu akzeptieren und damit in Frieden zu sein, ist ebenfalls eines unserer Bedürfnisse, dessen Erfüllung zu unserem Glück beiträgt.

Ein Paradox.

Mich annehmen wie ich bin und gleichzeitig das in mein Leben holen, was mich glücklich macht. Werden, wer ich eigentlich bin. Andere annehmen, wie sie sind und gleichzeitig sie darin unterstützen, das in ihr Leben zu holen, was sie beglückt. Damit sie werden, wer sie eigentlich sind.

Zitiert mit freundlicher Genehmigung von Simran Kaur (www.higfk.de)

Authentisch sein oder authentisch wirken?

Hier besteht ein weit verbreitetes Missverständnis, es betrifft die Frage nach „Wahrheit oder Wirkung“. Im Kern berührt sie die Vermutung, dass ich, wenn ich „echt“ bin, immer richtig liege. Dem kann ich nur bedingt zustimmen. Es ist eher so: Ein gutes Training / Coaching wird das Echte in uns mehr zum Vorschein bringen, uns also zu uns selbst führen und nicht von uns weg und damit helfen, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Aber dafür sind manchmal ungemütliche und ungewohnte Schritte notwendig – die sich erst mal komisch anfühlen können, bevor wir sie integriert und damit „zu uns genommen“ haben.

Beispiel: Innere Widerstände hindern uns am wachsen

Wenn Sie ein Sprechtraining machen, um Ihre Aussprache zu verbessern, machen Sie lauter lustige Übungen wie beim Sprechen den Kiefer hängen lassen oder einen Korken in den Mund nehmen … – also manche Menschen finden diese Übungen lustig. Andere bremsen sich mit dem Gedanken: „Wenn ich so grenzdebil durch die Gegend laufe, wie sieht denn das aus?“

Wenn ich diese Scheu überwinden kann und dranbleibe, verbessert sich meine Aussprache möglicherweise sprunghaft – und ich kann damit wesentlich größere Aufmerksamkeit bei meinem Gegenüber erreichen.

Es gibt keine Abkürzungen

Das heißt aber auch, dass jede Anweisung, die uns zu weit von uns wegführt und die Widerstände in uns auslöst, nicht hilfreich sein kann. Und wir sollten skeptisch werden, wenn uns versprochen wird, nach einer Stunde und 2-3 Tipps „fertig“ zu sein, womit auch immer. Die Sehnsucht nach Abkürzungen ist groß. Ich habe noch keine entdecken können. So einfach ist das Leben nicht.

Innere Verbindung und Offenheit für Veränderungen

Für mich ist die Frage: „Authentisch sein oder authentisch wirken?“ eindeutig zu beantworten:
Es geht darum, die „innere Verbindung zu mir“ zu halten und gleichzeitig offen zu sein für Veränderungen.

Wenn Sie einen KFZ-Führerschein haben, kennen Sie das vielleicht aus eigener Erfahrung: Wie habe ich mich in der Fahrschule mit der Gangschaltung rumgequält. Heute schalte ich ohne nachzudenken, ganz automatisch.

Eins ist sicher – die Fakten sind zweitrangig

Glaubwürdig zu sein, heißt nicht automatisch, immer „die Wahrheit“ zu sagen. Niemand kann in Echtzeit überprüfen, ob ich Recht habe mit dem, was ich sage. Wenn wir etwas für überzeugend halten, es also „glauben“, ist das in den allerseltensten Fällen das Resultat einer gnadenlosen Überprüfung der harten Fakten durch unser Großhirn, den Neo-Kortex. In 99,9% aller Fälle ist es eine emotionale Entscheidung: „Das fühlt sich richtig an.“ Und diese Entscheidung trifft das limbische System, der Bereich unseres Gehirns, in dem, vereinfacht ausgedrückt, das emotionale Erleben zuhause ist; also alles, was mit Bildern, Gefühlen, Farben, Gerüchen und Stimmungen zu tun hat.

Verführung statt Vernunftsentscheidung

Selbstverständlich ist das eine kränkende Feststellung für unser Großhirn: Dass es an der eigentlichen Entscheidung, ob wir etwas „glauben“ oder „kaufen“, nicht mal im Ansatz beteiligt ist. Sondern, dass es um eine emotionale Bewegung geht. Die Werbung hat es längst erkannt: Sie will uns nicht überzeugen, sondern verführen. Das heißt, sie lockt uns emotional, statt uns zu beweisen, dass dieses oder jenes Produkt besonders gut ist, weil die Zahlen/Daten/Fakten stimmen.

Beispiel: Kaufentscheidung im Supermarkt

Wonach entscheiden Sie, welche Tiefkühlpizza Sie kaufen? Wenn Ihre Lieblingsmarke ausverkauft ist und Sie sich deshalb neu entscheiden müssen, wird die Verpackung ausschlaggebend sein. Aber Sie wollen ja keine Verpackung essen, sondern eine Pizza. Anstatt zu überprüfen, ob die Pizza gut ist – was im Laden nicht möglich ist – , wählen wir die überzeugendste Leistung des Grafikers aus, der die Verpackung gestaltet hat. Aber die hat mit der Qualität der Pizza nichts zu tun!

Auch wenn wir es nicht immer wahrhaben wollen, weil es möglicherweise Unbehagen hervorruft: Die allermeisten Entscheidungen treffen wir unbewusst und unkontrolliert, zahlreiche psychologische Versuche bescheinigen uns Menschen ein hohes Maß an irrationalem Verhalten.

Unsere Welt würde anders aussehen, wenn wir hauptsächlich rational entscheiden würden.

Die Wirkung der Präsentation

Die Entscheidung, ob ich meinem Gegenüber „glaube“, ob ich ihm oder ihr „abkaufe“, was er/sie sagt, folgt den Prinzipien des Pizzakaufs: Sie ist längst gefallen, bevor das Großhirn in Schwung kommt. Der Inhalt dessen, was gesagt wird, ist nicht so entscheidend wie die Art, in der das geschieht. Einfach, weil der Inhalt nicht sofort auf den Wahrheitsgehalt überprüft werden kann, das limbische System aber in Bruchteilen einer Sekunde weiß: Das gefällt mir, das möchte ich, das ist schön, das ist angenehm, das glaube ich … Alles keine knallharten Sachargumente – und doch die entscheidenden Faktoren, damit wir zustimmen, also der Person zuhören können.

Beispiel: Blender statt Wissenschaftler

Es war 1976 in Los Angeles: Dr. Myron L. Fox hält an der University of Southern California einen Vortrag über die Anwendung der mathematischen Spieltheorie in der Ausbildung von Ärzten. Im Auditorium sitzen Chefärzte der örtlichen Spitäler, allesamt anerkannte Experten. Keiner hat jemals etwas von diesem Dr. Fox gehört. Aber das, was sie jetzt erleben, reißt sie regelrecht von ihren Sitzen. Sie sind sich einig: Dr. Fox sei ein exzellenter Psychiater, dessen Vortrag sie tief und nachhaltig zum Denken angeregt habe; sein Material sei perfekt strukturiert, seine Beispiele anschaulich und seine Aussagen gut verständlich. Besser kann kein Feedbackbogen aussehen.

Nur Schein statt Sein

Dr. Fox war in Wahrheit jedoch gar kein Psychiater. Er hatte sich nie mit Mathematik oder Spieltheorie beschäftigt. Er war auch kein Doktor, er war Schauspieler. Alles, was Fox getan hatte, war, mit Hilfe der Initiatoren dieses Experiments aus mehreren Fachartikeln über Spieltheorie einen Vortrag zu zimmern, der ausschließlich aus unklarem Gerede, erfundenen Wörtern und widersprüchlichen Feststellungen bestehen sollte, die er mit viel Humor und sinnlosen Verweisen auf andere Arbeiten vortrug.

Die federführenden Psychologen John Ware, Donald Naftulin und Frank Donnelly haben im Anschluss das Experiment mehrfach wiederholt. Mit unterschiedlichen Themen, vor unterschiedlichem Publikum – und immer mit demselben Ergebnis:

Wenn eine Rede attraktiv ist, „liebt“ das Publikum nicht nur den Redner, sondern auch den Inhalt seiner Rede.

Damit hatten die drei Psychologen ein wichtiges Phänomen der mündlichen Kommunikation aufgezeigt: Wenn der Redner genügend positive Ausstrahlung erzeugen kann, ist das kritische Denken bei den Zuhörern für die Zeitdauer der Rede gleichsam abgeschaltet. Es meldet sich erst wieder, wenn die Emotion des Augenblicks verflogen und die Aura des Redners nicht mehr anwesend ist. Hier war die Verpackung so professionell, dass die Zuhörer die Thesen des Vortragenden glauben wollten.

Verpackung ist wichtig für die Wirkung

Heißt das nun, dass wir inhaltlich nichts „auf der Pfanne“ haben müssen und uns nur um die Vermittlung, also die Verpackung, kümmern sollten? Selbstverständlich nicht.

Aber ohne eine ansprechende Verpackung können Sie noch so brillante Ideen haben: Sie werden kein Gehör finden. Dr. Myron L. Fox konnte für die Dauer eines Vortrages mit seiner Wirkung überzeugen, eine nachträgliche Überprüfung seiner Thesen am Stand der Wissenschaft hätte ihm große Schwierigkeiten beschert.

Meine Schlussfolgerung daraus: Authentisch werden, „sich gerade machen“ lohnt sich. Es ist nicht von heute auf morgen zu erreichen, es dauert und beschreibt eine sehr individuelle persönliche Entwicklung im wahrsten Wortsinn: Jemand wickelt sich aus.

Eine Pflanze entfaltet sich

„Wahre Furchtlosigkeit entsteht aus Zärtlichkeit. Sie entsteht, wenn du zulässt, dass die Welt dich am Herzen kitzelt, deinem ungeschützten, wunderschönen Herzen. Du bist bereit, dich ohne Widerstand und Scheu zu öffnen, um dich der Welt zu stellen. Und du bist bereit, anderen mitzuteilen, was dein Herz bewegt.“

(Linda Myoki Lehrhaupt)

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